 |
Text des Faltblatts zur Ausstellung in der Wilhelma
Hintergrund
Der Verlust des Lebensraumes galt bisher als die Hauptgefahr für
das Überleben der Arten. Jede Minute wird eine Waldfläche in
der Größe von 37 Fußballfeldern vernichtet. Im afrikanischen
Kongobecken, der zweitgrößten Regenwaldfläche der Welt,
wurden schon zwei Drittel der ursprünglichen Wälder gerodet.
Die noch verbliebenen 2 Mio. km² beherbergen eine einmalige Vielfalt
von Tier- und Pflanzenarten. Zahlreiche Tierarten West- und Zentralafrikas
sind heute jedoch durch Jagd viel unmittelbarer bedroht als durch die
Zerstörung ihrer Lebensräume.
Früher diente Wildfleisch den Waldvölkern zur Selbstversorgung
und als Tauschware. Die in den letzten Jahrzehnten entstandene Kommerzialisierung
des Bushmeat-Handels ist auf das Bevölkerungswachstum, die zunehmende
Verstädterung und weltweite Industrialisierung zurückzuführen.
Die Nachfrage nach dem traditionell beliebten Wildfleisch stieg besonders
auf den städtischen Märkten. Bedingt durch wirtschaftliche Zwänge
haben viele Jäger und Händler entdeckt, dass Bushmeat "wie
auf der Straße liegendes Geld" ist. Die dramatische Zunahme
des Wild-Handels wurde vor allem durch die Erschließung früher
unzugänglicher Gebiete durch Holzkonzerne und Minengesellschaften
ermöglicht. Auf den neu angelegten Straßen und oft auf den
Transportfahrzeugen der Konzerne gelangen Jäger in die entlegensten
Waldregionen, erlegen von der Fledermaus bis zum Elefanten alles, was
sie erwischen können. Realistische Schätzungen gehen davon aus,
dass jährlich bis zu 4 Mio. Tonnen Wildfleisch aus den west- und
zentralafrikanischen Wäldern geholt werden.
In Zentralafrika sind 90% der - meist europäischen - Holzkonzerne
im zuvor unberührten Regenwald angesiedelt. Die kommerzielle Holzwirtschaft
in den afrikanischen Tropen hat seit Beginn der 90er-Jahre erheblich zugenommen.
Auf den Straßen der Holzfäller folgen Siedler, die Flächen
für ihre Felder roden, Holz zum Kochen benutzen und sich von den
Tieren des Waldes ernähren. Gebietsfremde, kommerzielle Jäger
versorgen die Holzfällercamps und Minenarbeiter mit Fleisch. In der
Volksrepublik Kongo ist die Jagd in Gebieten mit Holzfällerstraßen
3- bis 6-mal höher als in anderen Regionen, und kommerzielle Jäger
entnehmen dem Wald 10mal mehr Tiere als Selbstversorger.
Die Jagdmethoden haben sich verändert: Statt Pfeil und Bogen sowie
Fallen aus Naturmaterialien werden heute Drahtschlingen und Feuerwaffen
benutzt. Die Waffen werden z. T. in den Werkstätten der Holzfällercamps
hergestellt. Drahtschlingen werden für kleinere Tiere und Ducker
(Waldantilopen) ausgelegt. Sie sind sehr unspezifisch und daher gefährlich
für jede Tierart. Bei der Jagd mit Gewehren sind Großsäuger
bevorzugte Beute, weil sie das meiste Geld bringen. Die Wälder werden
leergejagt und sind nur noch stille, grüne Wüsten!
Zwar gibt es viele internationale und nationale Gesetze zum Schutz der
Wildtiere, doch werden sie meist ignoriert. Oft fehlen politischer Wille,
Geld und Personal. Weitere Hemmnisse sind die politische Instabilität
und die allgegenwärtige Korruption.
Es gibt auch grenzüberschreitenden Bushmeat-Handel. So werden z.
B. Märkte der Zentralafrikanischen Republik immer noch mit Tierarten
beliefert, die im eigenen Land durch Überjagung zu selten geworden
sind. Selbst in Europa werden gebratener Gorilla, Schimpanse in Erdnusssoße
oder gebackener Flughund in exotischen Restaurants angeboten.
Opfer
Durch den Bushmeat-Handel stehen viele derzeit bedrohte Arten vor der
endgültigen Ausrottung, wie z. B. das Riesen-Schuppentier, mehrere
Ducker- und Affenarten, der Waldelefant und alle drei Afrikanischen Menschenaffen
(Schimpanse, Bonobo und Gorilla). In der Mehrzahl werden zwar Huftiere
und Nager erlegt, doch große und auffällige Arten sind die
ersten Opfer. Dabei hat die Entnahme einer Tierart aus dem Ökosystem
erhebliche Folgen: Elefanten sind z. B. wichtige Samenverbreiter und somit
für die Vielfalt des Regenwaldes unentbehrlich. Ihr Fleisch bringt
dem Jäger inzwischen 4mal mehr Geld als ihre Stoßzähne
aus Elfenbein.
Auch Affen gehören zu den bevorzugten Opfern, denn die Menschen essen
sie besonders gern. In den letzten 10-15 Jahren wurden lokal schon mehrere
Arten nahezu oder vollständig ausgerottet, wie z. B. der Rote Stummelaffe
in Kamerun.
Mit den Menschenaffen verbinden uns Menschen die gemeinsame Abstammung
und viele Ähnlichkeiten im sozialen Verhalten. Wir haben sie durch
die Vernichtung ihrer Lebensräume schon an den Rand der Ausrottung
gebracht, und nun enden sie im Kochtopf! In der Volksrepublik Kongo und
in Kamerun werden jährlich jeweils mehr als 800 Gorillas getötet.
Allein in der Stadt Brazzaville wurde in einem Jahr das Fleisch von 293
Schimpansen verkauft. Der verhängnisvolle Einfluss der Wilderei ist
durch indirekte Folgen für die Menschenaffen noch wesentlich größer:
Sie verfangen sich in für andere Tiere ausgelegten Drahtschlingen
und erleiden schmerzhafte Verstümmelungen und Infektionen, die zum
Tod führen können. Durch hohen Jagddruck in ihren angestammten
Gebieten werden sie in andere Regionen abgedrängt, wo es zu Nahrungskonkurrenz
und aggressiven Auseinandersetzungen mit Artgenossen und anderen Tieren
kommt. Die Sozialsysteme werden durch den Abschuss einzelner Tiere empfindlich
gestört. Grundsätzlich sind alle Infektionskrankheiten von Menschenaffen
auf Menschen übertragbar - und umgekehrt! Die Zerlegung oder Zubereitung
frisch getöteter Affen ist daher mit einem hohen Ansteckungsrisiko,
z.B. mit gefährlichen Viruserkrankungen wie Ebola, verbunden.
Nebenprodukte des Bushmeat-Handels sind die Waisen, deren Mütter
getötet wurden. Die Jäger nehmen sie als Spielzeug für
ihre Kinder mit oder verkaufen sie. Die meisten sterben nach wenigen Tagen
qualvoll und traumatisiert an Krankheiten, Fehl- oder Unterernährung.
Von schätzungsweise 2000 Menschenaffenwaisen pro Jahr finden nur
etwa 50 Platz in einer Auffangstation. Solche Waisenstationen sind schnell
überfüllt und kämpfen mit ständigem Geldmangel. Außerdem
ändern sie nichts an den Ursachen des Problems. Fraglich ist auch
das weitere Schicksal der Waisen, denn Auswilderungen sind oft problematisch.
Durch die Medien wissen wir in der "westlichen Welt" viel
über das Leben der Menschenaffen und sogar einzelner Schimpansen
und Gorillas wie Fifi und Flo, Digit und Beethoven. Mancher sieht das
Abschlachten und Essen von Menschenaffen als Mord oder Kannibalismus an.
Doch unsere Ethik kann nicht einfach auf andere Kulturen übertragen
werden. Worauf es letztendlich ankommt, ist die langfristige Sicherung
der biologischen Vielfalt. Dieses Wissen müssen wir unter Einbeziehung
der lokalen Bevölkerung weitergeben, um Verständnis für
Regelungen und Gesetze zu erreichen. Gerade wir Europäer sollten
unsere Konsumentenmacht sowie politische und humanitäre Hilfe einsetzen,
denn es sind vor allem europäische Konzerne, die die afrikanischen
Wälder abholzen, und EU-Gelder finanzieren das Sterben allzu oft
mit!
Lösungsansätze
Maßnahmen zur Eindämmung des Bushmeat-Handels müssen auf
allen Ebenen angesiedelt und sorgfältig koordiniert werden. Tatkraft
wird besonders von Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft
gefordert. Finanzhilfe von EU oder Weltbank sollte nur für Projekte
gewährt werden, die umweltverträglich sind. Auch politische
Interventionen und die Umsetzung von EU-Deklarationen zur Bekämpfung
des Bushmeat-Handels sind erforderlich. Durch internationale Zusammenarbeit
können langfristige Naturschutzstrategien erarbeitet werden. Ein
Importstop für Holz ohne Gütesiegel und die Einhaltung eines
Verhaltenskodexes durch die in Afrika operierenden Holzkonzerne könnten
weitere wichtige Schritte sein. Allem voran steht die Schaffung öffentlichen
Interesses durch die Arbeit von Naturschutzorganisationen und Bushmeat-Arbeitsgruppen.
Ein breites Forum für diese Öffentlichkeitsarbeit bieten die
Zoos mit ihren europaweit 125 Mio. Besuchern pro Jahr. Hier werden Unterschriften
für eine Petition zur Bekämpfung des Bushmeat-Handels gesammelt.
Maßnahmen vor Ort schließen allgemein Bildung, Umwelterziehung,
Forschung und Gesundheitsvorsorge ein. Aktionspläne und langfristige
Strategien müssen in Absprache mit der betroffenen Bevölkerung
erarbeitet, Besitzverhältnisse und Jagdrechte geklärt werden.
Alternativen zur Ernährung werden derzeit in Versuchen zur Züchtung
verschiedener Wildtiere für die Fleischproduktion überprüft.
Erwerbsalternativen könnten z. B. im Ökotourismus liegen. Von
zentraler Bedeutung ist auch die Unterstützung des lokalen Naturschutzes,
der Parkbehörden und Wildhüter, denn sie sind der Schlüssel
für den langfristigen Erhalt der noch verbliebenen Naturräume.
|